Hausarbeit Musik

B.A.C.H. Skizze für Orchester von Xaver Paul Thoma, 1994

Göppingen, Juni 2009
Julia Zauner

Inhalt

Vorwort
Aufnahme des Stücks B.A.C.H.
Eindrücke und Meinungen
Das Werk B.A.C.H.
Zum Komponisten Xaver Paul Thoma
Quellen

Vorwort

Letztes Jahr Ende April fand in Wuppertal der 7. deutsche Orchesterwettbewerb statt, bei welchem das Jugendsinfonieorchester Göppingen mitgemacht hat. Unter anderem wurde vorgegeben ein modernes Stück vorzutragen. Die Wahl fiel auf B.A.C.H. von Xaver Paul Thoma. So kam es, dass ich zum ersten Mal bei einem modernen Stück mitgespielt habe. Anfangs ist es wirklich gewöhnungsbedürftig solche Musik zu machen. Aber wenn man das Stück nach und nach kennen lernt und nicht mehr nur mit zählen beschäftigt ist, fängt es an toll zu klingen, Musik zu werden und Spaß zu machen. Dann wartet man an einigen Stellen auf den Einsatz einer bestimmen Stimme oder hofft, dass der Holzblock richtig anfängt.
Die Proben waren besondere Proben. Anfangs klang es wirklich schauerlich und viele Orchestermitglieder wollten das Stück nicht beim Wettbewerb spielen. Doch das hat sich schnell geändert, denn von Mal zu Mal hat man echte Fortschritte gehört. Bei einer Probe kurz vor dem Wettbewerb war Herr Thoma anwesend aber ihm hat das Gehörte überhaupt nicht gefallen und er hat uns sogar von diesem Stück abgeraten. Doch in den letzten Tagen, hat es einen Ruck durchs Orchester gegeben und die Aufführung hat richtig gut geklappt. Von der Aufnahme seines Stücks war der Komponist dann auch begeistert.
Zeitgleich haben wir im Musikunterricht modere Musik durchgenommen, Stücke angehört und besprochen, Komponisten behandelt und auch selbst ein wenig komponiert. Es war eine besondere Erfahrung, diese Art von Musik gleichzeitig theoretisch und praktisch kennen zu lernen.

Aufnahme des Stücks B.A.C.H.

Die erste und bis jetzt auch einzige Aufnahme von B.A.C.H,
gespielt vom Jugendsinfonieorchester Göppingen, Leitung Martin Gunkel,
aufgenommen von der ARD in der Stadthalle Wuppertal beim 7. deutschen Orchesterwettbewerb:
Für die Beurteilung meiner Arbeit erscheint es mir sinnvoll an dieser Stelle in die Aufnahme hineinzuhören.
YouTube - Jugendsinfonieorchester Göppingen

Eindrücke und Meinungen

„Anfangs komisch, aber dann echt klasse!“
(Geiger, 20 Jahre)

„Ich brauch eine Melodie, damit ich ein Stück verstehen und mitspielen kann.“
(Geigerin, 14 Jahre)

„Es ist schwer als Stimmführer, wenn hinten keiner mitspielt.“
(Geigerin, 14 Jahre)

„Zu B.A.C.H. ist zu sagen, dass es extrem schwer zu zählen ist, da man keinerlei Einsätze hört. Man sollte ja denken, dass man es überhaupt merkt, wenn jemand daneben spielt. Aber der Klangkörper, der bei richtigem Einsatz entsteht, ist gigantisch. Den wichtigsten Part übernimmt meiner Meinung nach das Schlagzeug, denn erst durch dieses, entsteht das ganze Volumen. Man könnte meinen es sei ungewöhnlich, dass die Trompeten teilweise mit Dämpfern spielen. Das trifft für Symphonieorchester zu, im Jazz ist das Alltag. Aber entscheidend ist, dass Dämpfer die Klangfarbe verändern, und dieses Stück lebt von Klangfarben. Er ist somit absolut unentbehrlich. Wichtig ist noch, dass das Stück nur gut rüberkommt, wenn alle ihre Rolle richtig spielen. Bei einer Brahmssinfonie kann man auch den Geigensatz spielen lassen und es hört sich gut an, bei B.A.C.H. kann man das nicht, sonst klingt es einfach nur langweilig. Das macht auch den Reiz aus: zu lernen, wie man als Einheit arbeitet.“
(Trompeter, 20 Jahre)

„Die Orchesterskizze B.A.C.H. ist bei der Probenarbeit zum Lieblingsstück unseres Jugendsinfonieorchesters geworden. Es ist wirklich ein sehr schönes Werk. Und es eignet sich sehr gut dazu, Kindern und Jugendlichen moderne Musik zu vermitteln und nahe zu bringen.“
(Martin Gunkel, unser Dirigent)

„Inzwischen ist das Werk ja schon von vielen Orchestern aufgeführt worden. Leider konnte ich nicht alle Aufführungen hören. Aber Eure Aufnahme gefällt mir sehr gut, sie hat Spannung und Temperament. Herr Gunkel hat es mit Euch sehr gut einstudiert. Herzlichen Glückwunsch.“
(Xaver Paul Thoma, der Komponist)

„Bedrohlich...“
(eine Freundin, nach dem ersten Hören, 19 Jahre)

„Ein interessantes klangliches Objekt.“
(eine Freundin, nach dem ersten Hören, 20 Jahre)

„Düster, dunkel und qualvoll, emotional und keine einzige heitere Note. Das Stück könnte gut als Filmmusik verwendet werden, wenn jemandes letzte Stunde geschlagen hat. Wenn es bei mir soweit ist, möchte ich nicht so leiden müssen. Musikalisch erinnert es mich an Grieg oder Schönberg.“
(unser Nachbar, gute 50 Jahre, nach dem ersten Hören)

Das Werk B.A.C.H.

Anlass und Idee:
Das Stück B.A.C.H. wurde von Xaver Paul Thoma in einer knappen Woche für das Bad Mergentheimer Jugendorchester als Maßarbeit komponiert. Das Orchester wollte sich am Orchesterwettbewerb Baden/Württemberg 1994 beteiligen und brauchte für sein Programm ein zeitgenössisches Werk, das nicht länger als fünf bis sechs Minuten dauern sollte. Genauso wichtig wie die Dauer des Stückes war der Schwierigkeitsgrad und die Besetzung der Partitur. Bei der Niederschrift ist es wichtig gewesen, die Anforderungen an die Spieltechnik der einzelnen Musikerinnen und Musiker so zu gestalten, dass sie ihre Stimme ohne große Probleme bewältigen können. Das Bad Mergentheimer Jugendorchester ist ein Symphonieorchester mit Klavier. Allerdings ist in den verschiedenen Gruppen nicht immer die normale Anzahl der Instrumente vorhanden, es gibt z.B. nur eine Oboe, dafür aber vier Flöten. Und es kommen im Schlagwerk einige für ein Symphonieorchester ungewöhnliche Instrumente hinzu.

Zur Komposition:
Das Werk B.A.C.H. hat noch einen Untertitel: "Skizze für Orchester". Das unterstreicht die Kompositionsarbeit mit kleinen Motiven. Die Idee des Komponisten zu diesem Werk war, mit kleinen, rasch wechselnden Veränderungen eine möglichst klangfarbige, abwechslungsreiche Musik zu schreiben. Das melodische Material basiert auf den Tönen b, a, c und h. Daher kommt auch der Titel der Komposition. Das Hauptmotiv zieht sich durch das gesamte Stück, wird sequenziert, rhythmisch variiert, kontrapunktisch verarbeitet und auch durch Augmentation/Diminuation verändert.

Das Stück ist in drei Abschnitte geteilt, die sich durch unterschiedliche Tempi von einander abheben. Der erste und dritte sind gleich schnell (

= 69) der Mittelpart etwas schneller (

= 88). Da jedoch vor dem Übergang zum zweiten Teil accelerando und von zweiten zum dritten Teil ritardando ist, bemerkt man diese Unterteilung kaum.
Besonderheiten:
Schon beim ersten Blick in die Partitur fällt auf, dass alle Instrumente ziemlich gleichberechtigt sind und recht wenig Verschiedenes zur selben Zeit gespielt wird. Diese Gleichberechtigung und die Reduzierung der Überlagerung verschiedener Motive führt dazu, dass die vom Komponisten gewünschten Klangeffekte in den verschiedenen Instrumentengruppen besonders hervortreten. Alle Bläser spielen zwischendurch mit Flatterzunge und die Blechbläser benutzen zeitweise einen Dämpfer. Bei den Streichern wechselt die Spieltechnik häufig schnell zwischen pizzicato und arco. Außerdem spielen die Celli teilweise col legno und Bartók-Pizzicato kommt bei den Geigern zum Einsatz. Zudem gibt der Komponist den Streichern die Anweisung mit dem Bogen manchmal direkt am Steg zu spielen, was einen wirklich abscheulichen Klang erzeugt. Mit Tremolo und künstlichen Flageoletttönen wird die klangliche Bandbreiten der Streicher völlig ausgenutzt. Vor allem aber sind es die Schlagzeuger, die außergewöhnliche Techniken und Instrumente spielen. Congas, ein Flexaton und ein Holzblock kommen zum Einsatz. Mit einer Bürste wird auf der großen Trommel ein Klang erzeugt. Und das Tam-Tam wird mit einem Metallstab gerieben oder geschlagen und zwischendurch mit einem Kontrabassbogen zum Schwingen gebracht. Damit all diese instrumentalen Effekte auch zur Geltung kommen, gibt der Komponist genaueste Anweisungen in den Noten, teilweise sogar für den Dirigenten in der Partitur.

Eigentlich ist das Stück in einem 4/4 Takt geschrieben. Jedoch verzichtet der Komponist auf die Taktschwerpunkte. Er verwendet Triolen, Quintolen, Sextolen, Überbindungen, Synkopen und auch kurzeitigen Taktartwechseln zu einem 5/4 Takt. Mit diesen Betonungsverschiebungen entstehen zusätzlich rhythmische Klangeffekte.
Auch dynamisch ist das Stück auf Klangeffekte ausgelegt (ppp - fff). Häufig ist ein abrupter Wechsel zwischen forte und piano zu spielen. Und einzelne Töne werden bewusst durch fortissimo hervorgehoben. Das gesamte Orchester spielt nie gemeinsam bis auf einen sich langsam aufbauenden Akkord gegen Ende des Stückes. Diesem Akkord folgt die einzige Generalpause im Stück. Danach klingt das Stück langsam aus.
Alle Elemente, die diese atonale Komposition ausmachen, die besonderen instrumentalen Spielweisen, die dynamischen Abstufungen und die rhythmische Betonungen, wurden von Xaver Paul Thoma so verwendet, dass ein gigantisches Klangwerk entstanden ist.

Partiturseite von B.A.C.H.

Ausschnitt der ersten Partiturseite, mit Erlaubnis der edition 49

Zum Komponisten Xaver Paul Thoma

Xaver Paul Thoma, der sich selbst gern als Komponist für Neue Musik bezeichnet, wird 1953 im Gasthaus zur Kanone, das der Künstlerfamilie Thoma gehört, in Haslach geboren. Schon im Alter von fünf Jahren erhält er Violinunterricht bei seinem Großvater Karl Thoma, der zu dieser Zeit Musikdirektor der Stadt. Mit ihm zusammen gibt er als Sechsjähriger sein erstens Konzert. Ab 1962 bekommt Xaver Paul Thoma Privatunterricht beim Solobratscher des Süd West Funk-Sinfonieorchesters Albert Dietrich. Im Alter von zwölf Jahren fängt er an selbst zu komponieren, da sein Freund und er für die Besetzung Geige/Trompete kaum Noten besitzen. 1968 beginnt er Violine/Viola und Kammermusik an der staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe zu studieren. Im Sinfonieorchester der Hochschule hat er für einige Jahre den Posten des Solobratschers inne. Mit neunzehn ist er Bratschist in der Badischen Staatskapelle und beginnt intensiv zu komponieren. Um mehr Zeit für seine kompositorische Arbeit zu haben, kündigt er nach zwei Jahren die Stelle in der Badischen Staatskapelle und beginnt seine freie Tätigkeit als Komponist, Bratschist und Musikpädagoge.
1980 zieht Xaver Paul Thoma nach Niedersachsen und lebt mit seiner Familie bis 1989 in Loitze, dicht an der Grenze zur DDR. In dieser Zeit spielt er als freier Mitarbeiter in mehreren Orchestern, u.a. in den Orchestern des NDR Hamburg und der Oper Hannover. Zum Staatstheater Hannover entsteht eine besondere Verbindung, die zu größeren Kompositionsaufträgen führt. Jeden Sommer von 1977 bis 1993 verbringt Xaver Paul Thoma als Bratschist im Bayreuther Festspielorchester. Einige der Musikerkollegen, die er dort kennen lernt, bestreiten in späteren Jahren die Konzerte seiner Loitzer Kammermusikreihe. 1983 erhält Xaver Paul Thoma zur Würdigung seines künstlerischen Gesamtschaffens das Niedersächsische Künstlerstipendium, 1984 folgt das Niedersächsische Arbeitsstipendium.
1989 zieht die Familie ins Taubertal, wo der Komponist einige Auftragswerke in Angriff nimmt. Außerdem ist er Bratschist im Württembergischen Staatsorchester Stuttgart und gibt Unterricht (Violine/Viola und Kammermusik) und Konzerte in verschiedenen Städten. Zudem entstehen Reisekompositionen und eine Rundfunkproduktion im SWR-Studio Karlsruhe.Seit 2001 wohnt Xaver Paul Thoma in Kirchheim/Teck. Vier Jahre lang hat er einen Lehrauftrag an der Musikhochschule Würzburg für Bratsche und Orchester-studien. In dieser Zeit entstehen überwiegend Kammermusikpartituren und auch einige kleinere Arbeiten für Schüler, speziell auf "Jugend Musiziert" zugeschnitten. Bis zum Jahr 2007 sind 150 Kompositionen entstanden.

Quellen

www.xaver-paul-thoma.de
email-Kontakt mit Herrn Thoma
Partitur von B.A.C.H.
Musik Pocket Teacher, H. Mittelstädt, Cornelsen
Eigene Proben- und Spielerfahrung

Über die Autorin

Julia Zauner spielt seit zwölf Jahren Geige und stieg vor vier Jahren auf die Bratsche um.
Ihr Hausarbeitsthema – B.A.C.H. - findet sie schnell, da sie dieses Stück eben selbst gespielt hat und der Komponist hier ums Eck wohnt.


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